In Europa bringt die griechische Kunst die Erhebung des Menschen selbst zum Mythos. Die griechischen Götter offenbaren sich in dem, was den Menschen im Innersten bewegt. Sie bedürfen keiner autoritativen Offenbarung, sie trösten nicht mit Verheißungen, sondern mit dem, was sie sind. (W. F. Otto)


Die römischen Götter sind großteils von den Griechen übernommen, besitzen aber weniger Individualität. Etliche dienen der Veranschaulichung von Tugenden und haben hauptsächlich emblematische Funktion. Andere sind aus sterblichen Menschen hervorgegangen: Dieser bei alten Kulturvölkern bekannte mystische Vorgang der Apotheose wird zur Grundlage für den späteren Christus-Mythos.
Das Christentum bringt mit der Idee der Gottes- und Menschenliebe etwas Neues in die Welt. Christus wird in der Katakombenzeit vorwiegend durch geheime Erkennungszeichen (Christogramme), danach in der Gestalt eines römischen Gottes dargestellt und mit dem Glorienschein Apolls ausgestattet. Sol Invictus, der Nachfolger des griechischen Helios, ist ein Haupt-Gott der antiken Welt und wird später durch Jesus verdrängt. Ein leidender Gott-Mensch mit schicksalhafter Biographie wie vor ihm Osiris (Auferstehungsmythos) ist populärer als eine ferne, unpersönliche Sonne.
Auch für die Vergöttlichung der Maria werden keine neuen Bilder geschaffen, sondern die alten der Isis verwendet, die sich von der ägyptischen Göttin längst zur hellenischen Himmelskönigin gewandelt hat. Im 5. Jh. verlangt die Volksfrömmigkeit nach einer neuen Gottesmutter und setzt jene ungeheure Verehrung in Gang, die Maria in der röm.-kath. und orthodoxen Kirche bis heute findet.