Prix Jeanne de Ferrette


Dom zu St. Blasien


1. Preis im Concours Historique « Grenzen fließen » 2009/10


Festakt im Habsburger-Saal


Professor P.H. Wessenberg, Nationalrat Peter Bircher (Schweiz)


Europa-Rede des Preisträgers


2. Preis: Prof. Marc Glotz (Societe d Histoire de Sundgau)


3. Preis: Prof. Dr. Kerstin Odendahl (Univ. St. Gallen), Dr. H. M. Tschudi, Außenminister a.D.


Dr. Christoph Ferch, Mme. Monique Mangold (Academie Francaise)


Apero in den Rebgärten des Wessenberg, Hottwil (Aargau)


Mittagessen mit Ratspräsidentin Patricia Schreiber (Aargau)


Kolleg St. Blasien


Klosterhof






Portrait eines Preisträgers

Aus der Laudatio von Professor Peter Heinrich Wessenberg, St. Blasien, 5. Juni 2010

„Ein wortgewandter Kopf hat einmal gesagt: Geschichte ist Geschichtetes. Nehmen wir es in unserem Fall, dann handelt es sich bei Dr. Peter Coreth, dem Johanna-von-Pfirt-Preisträger von 2010, um politische, kulturelle und mentale Schichten. Wo werden diese sichtbar? An Grenzen! Wie werden sie sichtbar? In der Überwindung von Grenzen! Die Schichten der Geschichte kann man auch Bewusstsein nennen. Aber dieses Bewusstsein, welches von einer Stufe zur anderen sich emporrankt, das sucht bei Coreth einen Horizont, nicht den eigenen, sondern den, der unsere Konflikte erzeugt.

Ist Peter Coreth vollkommen frei von allen Bindungen und Verheißungen irgendeiner Ideologie oder Religion? Diese Frage ist legitim angesichts seines großen Sammelwerks, seinesMuseum Humanum. Eine Antwort kann nur er selbst geben und das tut er in seinem neuesten Buch Weltbilder im Spiegel der Kunst.… Wenn man in dem alten Gutshof von Coreth in Fratres eingelangt ist, dann stellt sich vielleicht auch die Frage: Wie ist uns Europa verloren gegangen? Man sucht nach der Vielfalt der Übermittlungskanäle für die Geschichten und die Gestalten. Und überraschender Weise funktioniert hier etwas: Wie in einem Hochamt wird das geistige Erbe zelebriert und gleichzeitig auf den Ursprung gebracht, in permanenter Nähe von Freiheit als Basso continuo…

Den schauerlichen Beschwörungen des Völkergemisches der alten Monarchie – Peter Sloterdijk würde in diesem Zusammenhang von semi-depressiven Konstruktionen sprechen – gibt Coreth eine Chance in der Wirklichkeit von kulturellen Leistungen heute und vor Ort, in Fratres. Damit ist nicht Pathosvernichtung gemeint, aber ein Ritt auf der Grenze zwischen Geist und Tat. Diese Grenze muß man akzeptieren und das weiß Coreth instinktiv. Er ist kein Freund von Philosophen-Königen, Literatur-Päpstinnen, er ist für den Tagespendler (englisch straddler), den die Überzeugung nicht verlassen hat, daß wir die menschlichen Dinge mit immer neuen Versuchen und Irrtümern voranbringen können. Ralf Dahrendorf sagte: Opportunity und Diversity, Chancen für alle in der bunten Vielfalt des Daseins. So etwas schwebt mir vor! Ist das nicht auch so bei Peter Coreth? Niemand weiß es so gut wie er, denn oft suchte er einen richtigen Abstoßpunkt nach Europa (Stefan Zweig).

Das ist schweres Erbe, welches Coreth – frei schwebender Geist – zu tragen bereit ist, und er nimmt einen langen Abschied mit einem reflektierten hermeneutischen Schlüssel, worin Aussagen aus verschiedenen Jahrhunderten und unterschiedlichen Kulturen nebeneinander stehen bleiben ohne die Spuren von deren allmählicher Verfertigung zu vernichten. Coreth steht mit seinem Kopf in der Zukunft und rennt mit ihm permanent gegen die Wände der Denkfaulheit, manchmal mit Skepsis, öfter mit Bedacht…

Paul Celan sagte einmal: Die Königreiche Galizien und Ladomerien mit dem Großherzogtum Krakau sind Gegenden, in denen Menschen und Bücher lebten! - Diese Sehnsucht, ausgeweitet auf Bilder und Artefakte und mehr, das ist der Humus vom Leben des Peter Coreth, und es soll abschließend nicht von der Sensationshistorie geschrieben werden, die oft zu wenig intellektuelle Spannkraft hat und sehr fremdbestimmt ist, aber es ist eine Sensation, wenn durch die Kulturbrücke Fratres und das Museum Humanum die Aufgabe der Geschichte erfüllt wird, nämlich aufzuklären, die Menschen durch Wissen vorsichtiger und selbständiger zu machen…“

(Auszug)

Aus der Dankesrede von Peter Coreth, St. Blasien, am 5. Juni 2010

Wer in diesen Tagen an Europa denkt, hat schamlose Bankrotteure und Staatsleute mit ratlosen Gesichtern vor Augen, die hektisch bemüht sind, die Krise zu überleben. Das mag als Notwendigkeit durchgehen, aber ist es schon eine Perspektive?

Als der Heilige Benedikt mit seinen Klostergründungen nicht nur dem abendländischen Mönchtum, sondern unserem Kontinent Gestalt gab, hatte er vermutlich nicht an die Hunderte Milliarden Euro gedacht, die wir nun gewissermaßen als Folgekosten des europäischen Projekts bereitstellen müssen. War es eine Vision ohne Kosten-Nutzen-Rechnung?

Die meisten Ideen, die unseren Begriff von Europa konstituieren, kamen ohne wirtschaftliches Kalkül in die Welt. Sie waren Ausdruck einer auf Metaphysik gegründeten Überzeugung; oder eines aus antiken Traditionen gewonnenen Menschenbildes; oder sie entsprangen der Einsicht in einen größeren sozialen, ökologischen oder sonstigen Zusammenhang. Jedenfalls erlangten diese Überzeugungen eine Verbindlichkeit, die sinn- und kulturstiftend wirken konnte.

Viele der großen europäischen Ideen durchdringen in kodifizierter Form unsere heutige Lebenswelt und haben mit wechselndem Erfolg dazu beigetragen, die schlimmsten Auswirkungen der menschlichen Natur einzudämmen. Um das zu erreichen, musste man sie freilich administrierbar machen, also in Instrumente der Herrschaft verwandeln. Der Wärmestrom, der einst an der Quelle dieser Ideen spürbar war, hat sich dabei merklich abgekühlt, mitunter in einen Kältestrom verwandelt. Die Zentralperspektive der Macht verändert jede Idee, wir wissen das längst.

Jacques Delors, der ehem. Präsident der Europäischen Kommission, hat einmal „Liebe zu Europa“ eingefordert - ein interessanter Gedanke! Als sich diese Liebe nicht einstellen wollte, erkannte er: „Niemand verliebt sich in einen gemeinsamen Markt.“ Ich glaube, da war er auf der richtigen Spur. Was Europa fehlt, ist eine kulturelle Vision, die sinnlich genug ist, um auch die Herzen der Menschen zu erobern. Was aber, wenn die Imagination, die uns berühren und bewegen könnte, die Stumpfheit der verordneten Lebensformen nicht mehr durchdringt? Was, wenn die kulturellen Quellen Europas immer mehr musealisiert und nur noch als touristische Potenziale ernst genommen werden, weil die Wirtschaftswelt keine weiteren Störfälle gebrauchen kann?

Eine Wiederbelebung des europäischen Projekts kann nur aus dem Geist kommen! Bevor sie in unserer Lebenswelt sichtbar werden könnte, müßte sie sich gegen die Intentionen der Technokraten, gegen die Logik der Parteien, gegen die Profitwut der Konzerne und ihrer Lobbys, gegen den Reglementierungs- und Vereinheitlichungswahn einer Zentralbürokratie durchsetzen. Solange man dort die „Homogenisierung Europas“ weiter voran treibt, statt zu merken, daß die Europäer - bei allem, was sie gemeinsam haben - in ganz verschiedenen, kulturell eigenständigen Regionen zu Hause sind, werden wir kein „Europa der Bürger“ zustande bringen!

Wir haben die Grenzen abgeschafft und merken jetzt, daß wir sie nicht wirklich losgeworden sind. Haben wir sie vielleicht in ihrer Bedeutung unterschätzt oder gar nicht richtig wahrgenommen? Erst das Bewusstsein der Unterschiede zeigt uns, was wir dennoch gemeinsam haben. Das erfordert Differenziertheit, Einfühlung! Auch Versöhnlichkeit, was nach einem Jahrhundert der Kriege, Völkermorde und Vertreibungen oft ein ungeheueres Postulat darstellt. Gute Nachbarschaft lässt sich eben nicht dekretieren. Vaclav Havel sagte mir, als er uns besuchte, Nachbarschaft müsse „von unten nach oben wachsen“. Weder Brüssel, noch der Nationalstaat, nur die Bürger selbst, die Vereine, die Zivilgesellschaften, könnten die Träger einer solchen Entwicklung sein.

Ich verstehe die Intention Ihres Wettbewerbs „Grenzen fließen“ so, daß wir – unabhängige Bürger unterschiedlicher Regionen - versuchen sollten, einander nach den Verhängnissen unserer Geschichte näher zu kommen, um ein neues Kapitel unserer Beziehungen aufzuschlagen. Dieses sollte von unbedingtem gegenseitigen Respekt, von einer erwachenden Neugier aufeinander und von einem wachsenden Gefühl der Gemeinsamkeit und Solidarität getragen sein. - Die Klugheit und das Vermittlungsgeschick einer Jeanne de Ferrette könnte uns alle inspirieren, damit das Projekt Europa ein friedliches wird.

Aber werden unsere Regionen ihre spezifische kulturelle Prägung gegen den Anpassungsdruck der großen Einheiten behaupten können? Werden ihre Konturen nicht immer blasser? Werden sie am Ende womöglich ganz verschwinden? Bei einer wachsenden Zahl von Menschen in Europa ist ein diffuses Gefühl von Unbehagen und Entfremdung zu bemerken, das leider nicht selten in Xenophobie umschlägt.

Lassen Sie mich deshalb die Frage nach unserer gemeinsamen kulturellen Identität aufwerfen. Europäische Kultur war – trotz aller Abirrungen und Rückschläge – noch bis ins 20. Jahrhundert die Verwirklichung eines Wertsystems. Länger als tausend Jahre war Europa vom Christentum geprägt, zu dem sich später der Humanismus, in der Folge die Aufklärung und in wachsendem Maße ein soziales Verantwortungsgefühl gesellte. Aber keineswegs war es das Christentum allein, das uns geprägt hat: Der großartige arabische Einfluß in Medizin, Astronomie, Mathematik, Architektur und vielen Künsten droht heute aus unserem öffentlichen Bewusstsein zu verschwinden, weil wir unter dem Stichwort „Islam“ fast nur noch Bilder von Terroranschlägen und verschleierten Frauen vorgesetzt bekommen. Angst, Vorurteile und neue Abgrenzung sind die Folgen.

Sehr zu Recht hat der tschechische Romancier Milan Kundera auf das „Verschwinden der kulturellen Heimat Mitteleuropa“ hingewiesen und die Frage gestellt: „Wie in aller Welt konnte dies unbemerkt und unbeklagt geschehen?“ - Kunderas Antwort: „Europa hat das Verschwinden seiner kulturellen Heimat nicht bemerkt, weil es aufgehört hat, seine Einheit als kulturelle Einheit zu sehen.“

Erlauben Sie mir daher die Frage: Was sind denn heute die Gestalt gebenden Kräfte unserer Kultur? Ist es die Technologie? Der gemeinsame Markt? Sind es die Medien? Die sogenannten Sachzwänge, mit denen man unentwegt das Unverantwortliche zu rechtfertigen sucht? Oder werden wir nach einer Währungsunion endlich unsere neue Identität in der gemeinsamen Verschuldung finden? Ist es die betonierte und verkabelte Landschaft, die sich immer mehr in ein riesiges Verkehrsnetz für die Warenströme verwandelt? Sind es die grenzüberschreitenden Kohlenmonoxidmessungen, die unser Ersticken hinauszögern sollen? Ist es letztlich nur mehr der Rechenstift? Oder gibt es noch etwas anderes, das uns verbindet? Etwas, das uns einen Sinn verheißt, der über das alltägliche Tun hinausweist? Eine gemeinsame Hoffnung vielleicht? - Wo ist die faszinierende Idee, die Europas historische Gegensätze versöhnt, seine Vielfalt zur Blüte bringt und dabei die Schöpfung bewahrt?

Unsere Länder haben einen gemeinsamen Erinnerungsraum, den wir nun wieder ungehindert betreten könnten. Tun wir es doch!
Kate Reynolds schreibt im Vorwort zu meinem Buch „Weltbilder im Spiegel der Kunst“, es herrsche keine allgemeine Übereinkunft mehr darüber, was richtig, was wirklich oder wahrhaftig ist. Dem Wort mangle es an Bildhaftigkeit, ja unsere ganze kollektive Einbildungskraft befinde sich in einer Krise.
Womöglich gibt es sie noch immer, die hinter den Dingen verborgene Bedeutung! Vielleicht wird sie wieder manifest, wenn wir innehalten und uns z. B. der Kunst öffnen. Nach dem Zusammenbruch der großen Bedeutungssysteme könnte die Kunst unsere Imagination zu neuem Leben erwecken, uns wieder an das Geheimnis heranführen, das sich unter dem Schutt unserer Geschichte zu verbergen scheint. Was wir so dringend brauchen, ist Orientierung!

Oft haben wir in Fratres die Erfahrung gemacht, daß auch im härtesten Meinungsstreit die Kunst auf einer höheren Bedeutungsebene vermitteln kann. Sie führt uns nicht in die Irre, sondern immer zu uns selbst.
Kunst schont uns nicht, doch sie ermöglicht Verwandlung!
Aber sind wir noch in der Lage, ihre Botschaften zu vernehmen? Sind wir tatsächlich bereit, uns berühren und herausfordern zu lassen? Wie viel Verzauberung können wir uns überhaupt noch leisten? Wie viel Nachdenklichkeit verkraften wir, ohne an den Strukturen, in denen wir feststecken, zu verzweifeln?

(Auszug)